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2026

02

2026-01-27T12:00:00

Hybrid Work

SCHWERPUNKT

088

Hybride Arbeitsplätze

Terminalserver

Sicherheit

Linux-Terminalserver der Stadt Treuchtlingen

Das gallische Desktopdorf

von Markus Feilner

Veröffentlicht in Ausgabe 02/2026 - SCHWERPUNKT

Eine Kleinstadt mit 13.000 Einwohnern zeigt, dass moderne Desktopbereitstellung nicht zwingend auf proprietäre Plattformen angewiesen ist. Treuchtlingen setzt seit über zwei Jahrzehnten auf eine Open-Source-Architektur aus Linux-Terminalservern, zentralem Storage und klar getrennten technischen Ebenen – und konnte während der COVID-Pandemie nahezu ohne Zusatzaufwand auf hybrides Arbeiten umstellen.

Als 2020 Covid-19 und der damit einhergehende Lockdown überall in der Welt die Büroarbeiter ins Homeoffice zwang, schrillten vielerorts die Alarmglocken. Gerade in deutschen Amtsstuben waren Remote Work oder hybrides Arbeiten bis dahin eher exotisch. Nicht nur die schlagartig ins heimische Büro versetzten Anwender, auch viele Administratoren standen plötzlich vor großen Problemen.
Nicht so in Treuchtlingen: "Das Schwierigste für uns war die Beschaffung weiterer Laptops", erzählt Netzwerkadministrator Sven Velt, "nicht die Software, nicht die Verteilung ins Homeoffice und auch nicht zusätzliche Schulungen." Ein wenig Glück war dabei: Für die Kommunalwahl waren bereits 30 Notebooks beschafft worden, die nun den Angestellten zur Verfügung standen. Und auch Router waren vorhanden – aus den Freifunk-Planungen der Stadt, die ein kostenloses WLAN für alle Bürger aufbauen wollte.
Ein Linux-Sonderweg, der sich bewährt hat
Dass Treuchtlingen vergleichsweise gut durch die Pandemie gekommen ist, lag an einigen zuvor oft kritisierten Entscheidungen: Das Terminalserver-Konzept mit zentralem, universellem Storage erwies sich als weitsichtig, weil es die IT weitgehend unabhängig vom Standort der Anwender machte. Daten, Ort und Funktion waren sauber voneinander getrennt – das Arbeiten war prinzipiell überall möglich und aus Anwendersicht identisch.
Als 2020 Covid-19 und der damit einhergehende Lockdown überall in der Welt die Büroarbeiter ins Homeoffice zwang, schrillten vielerorts die Alarmglocken. Gerade in deutschen Amtsstuben waren Remote Work oder hybrides Arbeiten bis dahin eher exotisch. Nicht nur die schlagartig ins heimische Büro versetzten Anwender, auch viele Administratoren standen plötzlich vor großen Problemen.
Nicht so in Treuchtlingen: "Das Schwierigste für uns war die Beschaffung weiterer Laptops", erzählt Netzwerkadministrator Sven Velt, "nicht die Software, nicht die Verteilung ins Homeoffice und auch nicht zusätzliche Schulungen." Ein wenig Glück war dabei: Für die Kommunalwahl waren bereits 30 Notebooks beschafft worden, die nun den Angestellten zur Verfügung standen. Und auch Router waren vorhanden – aus den Freifunk-Planungen der Stadt, die ein kostenloses WLAN für alle Bürger aufbauen wollte.
Ein Linux-Sonderweg, der sich bewährt hat
Dass Treuchtlingen vergleichsweise gut durch die Pandemie gekommen ist, lag an einigen zuvor oft kritisierten Entscheidungen: Das Terminalserver-Konzept mit zentralem, universellem Storage erwies sich als weitsichtig, weil es die IT weitgehend unabhängig vom Standort der Anwender machte. Daten, Ort und Funktion waren sauber voneinander getrennt – das Arbeiten war prinzipiell überall möglich und aus Anwendersicht identisch.
Bis dahin war es allerdings ein langer Weg, der eher an den Kampf eines kleinen gallischen Dorfes erinnert: In der mittelfränkischen Kleinstadt auf halber Strecke zwischen Nürnberg und Augsburg betreibt eine Handvoll Administratoren seit mehr als zwei Jahrzehnten einen Linux-Desktop mit KDE auf Debian-Basis, der die Bedürfnisse der städtischen Behörden erfüllt und darüber hinaus digital souverän, sicher und datenschutzkonform funktioniert.
Doch anders als im französischen Comic bedurfte es auf dem bayerischen Land keines Zaubertranks. Immer wieder galt es allerdings, sich gegen Marketing- und Sales-Brigaden großer Konzerne zu behaupten. Oft mussten die Admins viel Handarbeit investieren, um Anforderungen übergeordneter Institutionen oder strenge Behördenstandards mit Open-Source-Werkzeugen in Einklang zu bringen. Dennoch gelangen ihnen immer wieder innovative Ansätze – vom Streaming- und KI-Einsatz bei Sitzungen bis hin zu Bürgerbeteiligung und Smart-City-Services, etwa bei der Straßenbeleuchtung.
Nach vielen Jahren ist das Linux-Desktopsystem mit Terminalservern "ausgereift und findet von den Kolleginnen und Kollegen eine breite Akzeptanz", berichtet die Erste Bürgermeisterin der Stadt Treuchtlingen, Dr. Dr. Kristina Becker. Im Laufe der Zeit habe sich zudem eine breite Wissensbasis herausgebildet. "Und die sicherheitstechnischen Vorteile liegen auf der Hand – in einer Zeit, in der man öfter von gehackten Kommunen oder öffentlichen Einrichtungen liest, stehen wir mit unserem Sonderweg ganz gut da."
Vom Improvisieren zum stabilen System
Obwohl sich die Administratoren für ihre selbstgebaute Lösung immer wieder Kritik anhören mussten, zeigte das System in der Covid-19-Pandemie seine Stärken – und brachte nebenbei so manchen internen Skeptiker zum Verstummen. Während andere Kommunen über das abrupt verordnete Homeoffice klagten, kurzfristig neue Software beschaffen und Mitarbeiter umfassend schulen mussten, konnten die Treuchtlinger nahezu nahtlos umstellen. Für die Beschäftigten änderte sich im Grunde nur der Arbeitsort: Sie arbeiteten zuhause exakt mit dem Desktop weiter, den sie aus dem Rathaus kannten – gleiche Programme, gleiche Einstellungen, gleiches Look-and-Feel. Schulungsbedarf entstand fast ausschließlich dort, wo das weitgehend automatisierte Setup der VPN-Router hakte.
Bild 1: Der Debian-Desktop mit dem Treuchtlinger Wappen und dem Fuchs sieht am Arbeitsplatz im Rathaus genauso aus wie im heimischen Homeoffice.
Dass dieser reibungslose Übergang möglich war, hat seinen Ursprung im Jahr 2001: Die Stadt begann damals mit der Migration auf Linux und Open-Source-Software. Auslöser war ein handfestes Problem: Unter Windows NT liefen zwei zentrale Fachanwendungen nicht gleichzeitig, da sie in die berüchtigte DLL-Hölle rutschten. Die Mitarbeiter mussten sich deshalb mit einem unkomfortablen Multiboot-System behelfen und beim Start auswählen, welche Anwendung sie benötigten. Früh entstand daher der Wunsch, die Komplexität von den Clients weg und auf eine zentrale Umgebung zu verlagern. Als erste Clientgeneration kamen anschließend Sun Rays zum Einsatz, betrieben von einem Linux-Server auf einer Sparc e450.
Dort fiel die Wahl zunächst auf Gentoo, weil Debian damals noch nicht als stabile 64-Bit-Version vorlag. Das änderte sich jedoch rasch – und Debian wurde zur langfristigen Basis für Server und Desktopumgebungen. Kombiniert mit KDE sowie Anwendungen wie LibreOffice, Firefox und Thunderbird entstand nach und nach ein konsistentes, robustes Arbeitsumfeld. Besonders stolz sind die Treuchtlinger ITler bis heute auf das, was Digitalisierungsbeauftragter Heinz Graesing als "Schmuckstück der damaligen Entscheidung" bezeichnet: Eine klar strukturierte IT-Architektur mit vier voneinander getrennten Layern, die jeweils spezifische Funktionen erfüllen – und bis heute eine zentrale Rolle im Betrieb der Stadtverwaltung spielen.
Vier Ebenen für einen robusten Verwaltungsdesktop
Die Architektur des Linux-Desktops der Stadt Treuchtlingen setzt auf offene Technologien, Terminaldienste und eine klare Trennung von Verantwortlichkeiten. Sie basiert auf Linux-Servern, Terminal Services und bindet dabei auch Windows-Fachanwendungen problemlos ein. Erst diese Struktur macht es möglich, unterschiedlichste Anwendungen konsistent und standortunabhängig bereitzustellen. Die Architektur brachte diverse Vorteile in die Stadtverwaltung:
- Daten, Konfigurationen und Anwendungen verbleiben weitgehend in einem sicheren Containment; der Zugang lässt sich in Echtzeit steuern und Endpoint-Security verliert einen Großteil ihres Schreckens.
- Weniger Verantwortung für Wartung, Zugang und Geräteverlust: Die Komplexität der Fernwartung und Pflege von Fachanwendungen und Desktopumgebungen ist von der Client- auf die Containment-Ebene verlagert und dadurch deutlich entschärft.
- Automatisierung beschleunigt die Implementierung neuer oder aktualisierter Open-Source-Komponenten.
- Einfache Skalierung auf allen Ebenen: Muss mehr Desktopleistung bereitgestellt werden, kauft die Stadt einen weiteren Desktopserver; einzelne Fachanwendungen sind unabhängig davon skalierbar. Investiert wird dort, wo Ressourcen tatsächlich benötigt werden.
- Entlastung sowohl von Anwendern als auch Administratoren.
- Alle (Fach-)Anwendungen und Desktops greifen auf das zentrale, aktenplanbasierte Dateisystem des Storage-Servers zu. Das verringert Redundanz und sorgt für eine verlässliche "Single Source of Truth". Der Bayerische Einheitsaktenplan dient dabei als strukturgebender Rahmen.
Aktenplan und Metadaten als Rückgrat der Datenhaltung
Die zentrale Datenablage auf den Storage-Servern ist innerhalb der gesamten Architektur vermutlich die komplexeste Komponente. Behörden müssen sicherstellen, dass bestimmte Daten auch in 30 bis 100 Jahren noch verfügbar sind – unabhängig von der eingesetzten Anwendung oder einzelnen Benutzerkonten. Im heterogenen Datenschatz einer Kommune finden sich zudem Datentypen, die sauber protokollierte Änderungen, digitale Unterschriften oder manipulationssichere Anmerkungen erfordern.
Für die in Verwaltungen essenziellen Metadaten setzt Treuchtlingen unter anderem auf den Dublin-Core-Standard. Dieser lässt sich mit RDF- oder XML-Werkzeugen auslesen, in HTML einbetten und auf Dateisystemebene über xattr abbilden. Bei der Beschaffung von Storage-Appliances ist allerdings Vorsicht geboten, denn längst nicht alle Systeme unterstützen Dateisysteme mit erweiterten Attributen. Durch die Kombination aus Metadaten und den passenden Dateisystemfunktionen lässt sich dennoch eine langlebige, strukturierte und revisionssichere Datenhaltung erreichen.
Den eigentlichen Aktenplan bilden schließlich ausgeklügelte Verzeichnisstrukturen und Verknüpfungen: Sie sorgen dafür, dass Anwender und Fachanwendungen stets auf den korrekten Datensatz zugreifen und unzulässige Zugriffe vermieden werden. Ein Datensatz kann dabei für unterschiedliche Anwendungen mit jeweils passenden Berechtigungen und Detailgraden bereitgestellt werden. Bereits für KDE3 entwickelten die Administratoren einfache Plug-ins, die eine komfortable Verwaltung des Aktenplans direkt im Dateimanager ermöglichten – heute erledigen die Beschäftigten diese Aufgaben in "Dolphin", der KDE-Dateiverwaltung, die die Strukturen samt Metadaten transparent abbildet.
Bild 2: Verzeichnisstruktur und Metadaten im täglichen Einsatz – der Aktenplan in Dolphin, der Dateiverwaltung von KDE.
Thin Clients als einheitliche Arbeitsumgebung
Der Thin Client bildet das Frontend der Architektur. Er bootet über PXE und stellt ein Minimalsystem bereit, das ausschließlich den Zugang zum Terminalserver ermöglicht. Dieses System ist read-only, was die Sicherheit erhöht und die Wartung vereinfacht. Im Homeoffice kommt eine auf einer SSD installierte Variante zum Einsatz, die per FAI eingerichtet und über automatische Updates aktuell gehalten wird. Die Hardware für die Thin Clients im Rathaus basiert auf Mini-PCs der PN51-Serie von Asus, während im heimischen Büro generalüberholte Lenovo-T450s-Laptops zum Einsatz kommen.
Der Terminal-Desktopserver fungiert als zentrale Schaltstelle für die Anwender. Er basiert auf dem Linux-Terminalserver X2go, der in vielen gängigen Linux-Distributionen verfügbar ist. Das Projekt entstand ursprünglich aus NoMachine (NX), ist jedoch seit vielen Jahren eigenständig. X2go ermöglicht schnelle, bandbreitenschonende Remotesitzungen über SSH, indem es Desktopinhalte komprimiert und intelligent cached. Zur Verschlüsselung nutzt X2go die darunterliegende SSH-Verbindung – inklusive Optionen wie Zwei-Faktor-Authentifizierung oder Smart-Card-Zugang – und bietet damit alle Möglichkeiten, die PAM und Linux bereitstellen. Ganz nebenbei unterstützt der Ansatz eine bemerkenswerte Bandbreite an Endgeräten: Selbst ein Steam Deck kann, wie im Bild 3 ersichtlich, als Client dienen.
Bild 3: Das Steam Deck als ungewöhnlicher Thin-Client; X2go läuft auch auf exotischer Hardware stabil.
Der angepasste KDE-Desktop bietet eine moderne, benutzerfreundliche Oberfläche. Für die tägliche Arbeit stehen Anwendungen zur Verfügung, die viele Anwender bereits von Windows kennen, darunter LibreOffice, Firefox und Thunderbird. Die klare Trennung von Thin Client und Terminalserver erlaubt eine unabhängige Verwaltung beider Ebenen – unabhängig von der Zahl der eingesetzten Geräte oder Nutzer.
Anwendungsbereitstellung per Terminalserver und Container
Weil X2go in Kombination mit dem Freerdp-Client Anwendungen eines Windows-Terminalservers auch "seamless" weiterleiten kann, arbeiten die Anwender mit vielen Windows-Fachanwendungen so, als würden sie lokal gestartet. Ein separates Remote-Desktop-Fenster entfällt; das Programm erscheint direkt in der gewohnten KDE-Oberfläche. Gleiches gilt für Linux-Anwendungen, die per SSH-X-Forwarding bereitgestellt werden. Woher eine Anwendung stammt und wie sie auf den Desktop gelangt, spielt für die Beschäftigten keine Rolle – entscheidend ist, dass der tägliche Arbeitsablauf reibungslos funktioniert.
Die Terminalserver selbst basieren auf leistungsfähiger Serverhardware mit Desktop-CPUs, die über integrierte Grafikbeschleunigung (Intel Quicksync) verfügen. Seit 2025 wird die Installation der Terminalserver über eine Kombination aus FAI und Ansible automatisiert. Ziel ist es, einen kompletten X2go-Server innerhalb von rund 30 Minuten neu aufzusetzen. Derzeit stehen drei Server mit jeweils 28 Kernen und 192 GByte RAM für etwa 20 parallel aktive Sitzungen zur Verfügung, ergänzt um einen vierten Server als Entwicklungs- und Ausweichumgebung.
Jede Fachanwendung läuft entweder in einem eigenen Container oder einer separaten VM. Diese Kapselung schafft Klarheit, Stabilität und Sicherheit: Anwendungen sind voneinander isoliert, lassen sich unabhängig aktualisieren und können spezifisch an Netzwerke, Benutzergruppen oder Einsatzszenarien – etwa für Wahlen – gebunden werden. Der umfangreiche Bestand an Fachanwendungen, den Treuchtlingen wie andere Kommunen verwenden muss – siehe auch die FOSS-Liste der Gemeinde [1] – ist dadurch nicht an den Desktop-Layer gebunden. Je nach Art werden die Anwendungen als Weboberfläche, per RDP oder via X-Forward bereitgestellt – immer so, wie es die jeweilige Software technisch am sinnvollsten erlaubt.
Zentraler Storage und ortsunabhängige Sitzungen
Die Terminalserver speichern keinerlei Nutzerdaten; diese landen komplett auf spezialisierten Storage-Servern. Die Home-Verzeichnisse stellt ein eigener Linux-Server bereit, dessen großzügig dimensionierter RAM als Cache dient und so unnötigen Verschleiß der SSDs vermeidet. Dieses Konzept folgt dem Ziel der Nachhaltigkeit: Der heute eingesetzte Storage-Server diente zuvor als Terminalserver der vorherigen Generation.
Ein besonderes Merkmal der Architektur ist die Möglichkeit, Arbeitssitzungen nahtlos zwischen Geräten zu wechseln. Diese Form des Hotdesking war früher Großrechnern vorbehalten, doch X2go und sein halb-proprietärer Vorgänger NoMachine haben sie auch auf Linux-Desktops gebracht. Für die Mitarbeiter bedeutet das: Sie können ihre Sitzung am Arbeitsplatz pausieren und zuhause auf jedem Endgerät exakt an derselben Stelle weitermachen. Heute erwarten viele Nutzer genau dieses Verhalten – in Treuchtlingen gehört es seit Langem zum Alltag.
Darüber hinaus unterstützt die Umgebung gemeinsames Arbeiten über Screensharing. Gruppen von Mitarbeitern können sich zu gemeinsamen Arbeitssitzungen zusammenschalten, um Projekte abzustimmen oder Inhalte gemeinsam zu bearbeiten. Gerade während der Pandemie erwies sich diese Möglichkeit über Abteilungs- und Standortgrenzen hinweg als ausgesprochen nützlich.
Homeoffice-Konzept: Von Freifunk zu VPN
Wie so viele Bausteine des Treuchtlinger Setups entstand auch das Homeoffice-Konzept aus einer Mischung aus technischem Know-how und pragmatischen Entscheidungen. Die Administratoren verfügten bereits über Erfahrungen mit Freifunk-Netzwerken, VPN-Technik und der Terminalserver-Architektur – und kombinierten diese, als während der Pandemie plötzlich Außenstellen ohne schnelle Netzverbindung sicher angebunden werden mussten. 2021 bauten sie das Konzept in kurzer Zeit weiter aus.
Die ursprünglich für die Kommunalwahl angeschafften 30 Laptops ergänzte die IT um preiswerte OpenWRT-Router, die eigentlich für das stadtweite Freifunknetz vorgesehen waren. Mit VPN-Zertifikaten ausgestattet, stellten diese Router eine sichere Verbindung ins städtische Netzwerk her – ohne zusätzliche Hardwarebudgets oder größere Anschaffungen.
Die Vorgabe lautete "einfach und sicher": Die VPN-Zertifikate – zunächst für OpenVPN, später für WireGuard – lagen direkt im Flashspeicher der Router. Die Mitarbeiter mussten die Geräte lediglich an ihre private Fritzbox anschließen, und wenige Sekunden später stand die gesicherte Verbindung. Von zuhause aus konnten sie dann mit allen gewohnten Anwendungen, Dokumenten und Kommunikationsdaten arbeiten, exakt so wie im Rathaus.
Die Endgeräte im Homeoffice verhalten sich letztlich wie Thin Clients, nur eben standortunabhängig. Für die IT entsteht damit ein homogenes Verwaltungsnetz, das unabhängig vom tatsächlichen Aufenthaltsort der Mitarbeiter funktioniert. Diese Konsistenz ist eine direkte Folge der strikten Trennung von Daten, Funktion und Ort – ein Prinzip, das sich in Treuchtlingen durch die gesamte Architektur zieht.
Effizient und frei von Lizenzzwängen
Die Stadt spart durch ihr Setup erhebliche Lizenzkosten, weil weder für VPN-Technik noch für proprietäre Software Gebühren anfallen. Digitale Souveränität ist nicht nur im offiziellen Digitalisierungsplan verankert – sie prägt den Alltag: Treuchtlingen bindet sich weder bei Hardware wie Thin Clients, Servern, Routern oder Notebooks noch bei Software an einzelne Hersteller. Gleichzeitig kann die Architektur jede Fachanwendung integrieren, unabhängig vom zugrunde liegenden Betriebssystem.
Die Administration bleibt überschaubar. Neue Mitarbeiter finden sich schnell ein, und der laufende Aufwand konzentriert sich im Wesentlichen auf die Pflege der VPN-Verbindungen und die wenigen zentralen Server. Auch die Netzwerkanbindung ist selten ein Engpass: Sowohl die VPN-Technik als auch der Terminalserver arbeiten selbst unter schwächeren Bandbreiten effizient – die Wurzeln von X2go reichen schließlich bis in Zeiten zurück, in denen ISDN-Geschwindigkeiten üblich waren.
Praktische Herausforderungen im laufenden Betrieb
Im Alltag tauchten immer wieder Herausforderungen auf, die die Administratoren pragmatisch lösen mussten. In der Anfangsphase zeigte sich beispielsweise, dass einige LTE-Verbindungen aufgrund hoher Latenzen nur eingeschränkt für den Terminalserverbetrieb geeignet waren. Hinzu kamen Fälle, in denen einzelne Mobilfunkanbieter benötigte Ports blockierten und die IT Wege finden musste, diese Einschränkungen zu umgehen.
Auch organisatorisch ergaben sich unerwartete Situationen. Die flexible Struktur führte gelegentlich dazu, dass Mitarbeiter Geräte – und sogar die Router – untereinander austauschten. Wenn Hardware und damit auch die hinterlegten Zertifikate nicht mehr am vorgesehenen Ort lagen, begann das große Suchen. Die Beliebtheit der Geräte spielte ebenfalls hinein: Obwohl die Hardware nicht personalisiert ist, behalten manche Beschäftigte "ihre" Geräte gerne, selbst wenn sie aktuell nicht im Einsatz sind.
Dazu kamen Missverständnisse in der alltäglichen Nutzung. Vielen Mitarbeitern war nicht bewusst, dass sich die Laptops über das stadteigene WLAN mit den OpenWRT-Routern verbinden. Weil diese Verbindung im Betrieb nicht sichtbar ist, entstanden gelegentlich unrealistische Reichweitenerwartungen. So erreichte die IT etwa die Frage, warum die Verbindung über zwei Stockwerke hinweg langsam sei, obwohl sie in direkter Nähe des Routers problemlos funktionierte.
Offene Komponenten aus Treuchtlingen
Treuchtlingen stellt große Teile seines technischen Setups öffentlich bereit. Die veröffentlichten Komponenten umfassen Konfigurationen, Skripte und Dokumentationen, die anderen Kommunen eine praktische Orientierung bieten können. Die wichtigsten Bausteine finden sich auf Codeberg [2] und openCode [3]. Die Architektur unterscheidet sich klar von Webportal-basierten Ansätzen wie Opendesk und folgt konsequent dem hier beschriebenen Terminalserver-Prinzip mit zentralem Storage und klar getrennten Ebenen.
Einstiegshürden und verbreitete Vorbehalte
Abseits technischer Herausforderungen gab es auch kulturelle und organisatorische Hürden. Für neu hinzukommende Beschäftigte ist die ungewohnte Linux-Umgebung zunächst eine Umstellung. "Die Nutzer kennen die gängigen Office-Produkte und treffen hier auf andere Anwendungen", erklärt Bürgermeisterin Becker. "Bei uns gibt es keine Lösung von der Stange; man muss sich ein Stück weit mit dem System beschäftigen." Gleichzeitig besteht in politischen Gremien eine gewisse Rechtfertigungspflicht: Eine IT-Abteilung mit fünf Mitarbeitern muss jedes Jahr im Haushalt aufs Neue erklärt und begründet werden – trotz der sichtbaren Erfolge.
Daneben äußerten externe Beobachter immer wieder grundlegende Vorbehalte. Kritiker bemängelten etwa, OpenWRT sei nicht vertrauenswürdig oder Router verlören bei modifizierter Firmware ihre Herstellergarantie. Auch OpenVPN und WireGuard erhielten gelegentlich Kritik, weil sie nicht auf proprietäre, "Enterprise-Grade"-Verschlüsselung setzen. Ebenso wurden selbstsignierte Zertifikate oder VPN-Verbindungen über das öffentliche Internet als unzureichend eingestuft. Manche äußerten zudem Zweifel an der Skalierbarkeit und argumentierten, das System funktioniere nur im überschaubaren Rahmen Treuchtlingens, wo viereinhalb IT-Fachkräfte rund 320 Endgeräte betreuen.
Trotz dieser Vorbehalte wächst das Interesse an dem Ansatz. In den vergangenen Jahren meldeten sich zunehmend andere Kommunen und öffentliche Einrichtungen, um sich die Architektur vorführen zu lassen oder erste Schritte selbst auszuprobieren. Die Veröffentlichung zentraler Komponenten auf OpenCode und Codeberg erleichtert diesen Austausch und schafft eine nachvollziehbare technische Basis.
Digitale Souveränität in der kommunalen IT
Für Becker ist digitale Souveränität längst kein abstrakter Begriff mehr. "Daten aus dem kommunalen Umfeld sind sensible Daten", erklärt sie. "Die Bürger erwarten zu Recht, dass wir verantwortungsvoll damit umgehen, jederzeit Zugriff gewährleisten und nicht von einzelnen Anbietern abhängig sind." Das Vertrauen in große Plattformanbieter sei in den vergangenen Jahren spürbar gesunken, betont sie. "In diesem Umfeld hilft es enorm, wenn wir die eigenen Systeme verstehen, weiterentwickeln können und nicht auf externe Entscheidungen warten müssen."
Dass die Treuchtlinger IT schon früh auf offene Standards setzte und Daten, Funktion und Ort systematisch voneinander trennte, zahlt sich heute in fast allen strategischen Fragen aus. Entscheidungen lassen sich datenbasiert treffen, Anpassungen bleiben auch langfristig bezahlbar, und die IT behält die Kontrolle über ihre eigenen Werkzeuge. Gleichzeitig profitieren die Anwender: Die Arbeitsumgebung bleibt über Geräte und Standorte hinweg konsistent, und Änderungen an Fachanwendungen oder an der Infrastruktur sind für sie kaum spürbar.
Auch außerhalb Treuchtlingens steigt das Interesse am Ansatz. Fachbesucher aus anderen Kommunen wollen die Architektur sehen, ausprobieren und auf ihre eigene Umgebung übertragen. Was vor zwanzig Jahren als ungewöhnlicher Sonderweg galt, wird heute zunehmend als stabiler, nachhaltiger und nachvollziehbarer Ansatz wahrgenommen – ein Ergebnis kontinuierlicher Arbeit, nicht eines einmaligen Projekts.
Fazit
Unabhängig von politischen und organisatorischen Rahmenbedingungen zeigt der Treuchtlinger Ansatz vor allem eines: Eine klar strukturierte Terminalserver-Architektur mit getrennten Ebenen für Daten, Anwendungen und Ausführungsumgebungen kann sehr flexibel sein – und gleichzeitig äußerst robust. Die Möglichkeit, jede Art von Software über zentrale Dienste bereitzustellen, erleichtert die Pflege und sorgt für ein einheitliches Nutzererlebnis an jedem Ort.
Die frühe Entscheidung, Datenhaltung, Funktion und Endgeräte strikt zu trennen, bildet bis heute die Basis für Skalierbarkeit, Sicherheit und effiziente Administration. Zugleich ist der Ansatz nicht frei von Einschränkungen: Manche Fachanwendungen bringen keine Unterstützung für Terminalserver mit, manche Nutzer möchten an gewohnter Software festhalten, und einzelne Hersteller koppeln Garantie oder Support an proprietäre Plattformen. Diese Punkte erzeugen in der Praxis zusätzlichen Erklärungsbedarf.
Trotzdem bleibt das technische Gesamtbild klar: Ein konsequent offen gestaltetes Setup mit zentraler Verwaltung, klaren Schnittstellen und wiederverwendbaren Bausteinen kann auch in kleinen Kommunen ein leistungs-, widerstands- und zukunftsfähiges Arbeitsumfeld schaffen.
(ln)
Links
[1] Übersicht der genutzten freien Software: https://it-a.eu/q2z91
[2] Stadt Treuchtlingen auf codeberg.org: https://it-a.eu/q2z92
[3] Stadt Treuchtlingen auf opencode.de: https://it-a.eu/q2z93