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2026

05

2026-04-28T12:00:00

Storage-Management

PRAXIS

052

IT-Infrastruktur

Automatisierung

Digitale Souveränität

Offene Standards

Offene IT-Infrastrukturen statt Vendor Lock-in

Entfesselt planen

von Marius N. Neidlinger

Veröffentlicht in Ausgabe 05/2026 - PRAXIS

IT-Verantwortliche stehen zunehmend vor der Aufgabe, Infrastrukturen so zu planen, dass Abhängigkeiten von einzelnen Herstellern reduziert werden, ohne den Betrieb unnötig zu verkomplizieren. Der Beitrag zeigt, wie sich digitale Souveränität durch offene Standards, disaggregierte Architekturen und Automatisierung technisch umsetzen lässt – und wie ein praktikabler Mittelweg zwischen Effizienz, Betriebssicherheit und technischer Unabhängigkeit im Rechenzentrum aussehen kann.

Unsichere Zeiten erfordern anpassbare IT-Infrastrukturen – nicht mehr nur aus technologischen, sondern zunehmend auch aus marktwirtschaftlichen und geopolitischen Gründen. Entsprechend verändern Unternehmen ihre Investitionsentscheidungen: Neben dem Preis-Leistungs-Verhältnis gewinnen Resilienz, Lieferfähigkeit und strategische Abhängigkeiten deutlich an Bedeutung.
Statt linear zu planen, bewerten Organisationen ihre Infrastruktur zunehmend anhand mehrerer Szenarien. Sie fragen, welche Auswirkungen Lieferengpässe, Preisanpassungen oder technologische Verzögerungen einzelner Anbieter hätten und wie sich daraus entstehende Risiken begrenzen lassen. Die Bewertung dieser Risiken hängt stark vom jeweiligen Umfeld ab. Unabhängig von Branche oder Größe verfolgen Unternehmen jedoch denselben Ansatz: Sie identifizieren kritische Abhängigkeiten, schätzen den Aufwand ein, sich daraus zu lösen, und leiten daraus Anforderungen an eine zukunftsfähige, möglichst flexible IT-Architektur ab.
Abhängigkeiten gezielt reduzieren
Eine vollständige digitale Souveränität und das komplette Vermeiden von Abhängigkeiten sind in der Praxis nicht realistisch. Die IT-Branche ist global verflochten, und Unternehmen haben faktisch keine Möglichkeit, Infrastrukturkomponenten zu beziehen, deren Lieferketten bis auf Chipebene vollständig regional begrenzt sind. Ein Rückzug auf geschlossene, nationale oder europäische IT-Ökosysteme ist unter heutigen Bedingungen nicht umsetzbar.
Unsichere Zeiten erfordern anpassbare IT-Infrastrukturen – nicht mehr nur aus technologischen, sondern zunehmend auch aus marktwirtschaftlichen und geopolitischen Gründen. Entsprechend verändern Unternehmen ihre Investitionsentscheidungen: Neben dem Preis-Leistungs-Verhältnis gewinnen Resilienz, Lieferfähigkeit und strategische Abhängigkeiten deutlich an Bedeutung.
Statt linear zu planen, bewerten Organisationen ihre Infrastruktur zunehmend anhand mehrerer Szenarien. Sie fragen, welche Auswirkungen Lieferengpässe, Preisanpassungen oder technologische Verzögerungen einzelner Anbieter hätten und wie sich daraus entstehende Risiken begrenzen lassen. Die Bewertung dieser Risiken hängt stark vom jeweiligen Umfeld ab. Unabhängig von Branche oder Größe verfolgen Unternehmen jedoch denselben Ansatz: Sie identifizieren kritische Abhängigkeiten, schätzen den Aufwand ein, sich daraus zu lösen, und leiten daraus Anforderungen an eine zukunftsfähige, möglichst flexible IT-Architektur ab.
Abhängigkeiten gezielt reduzieren
Eine vollständige digitale Souveränität und das komplette Vermeiden von Abhängigkeiten sind in der Praxis nicht realistisch. Die IT-Branche ist global verflochten, und Unternehmen haben faktisch keine Möglichkeit, Infrastrukturkomponenten zu beziehen, deren Lieferketten bis auf Chipebene vollständig regional begrenzt sind. Ein Rückzug auf geschlossene, nationale oder europäische IT-Ökosysteme ist unter heutigen Bedingungen nicht umsetzbar.
Sehr wohl können sich Organisationen jedoch strategische Entscheidungsspielräume sichern. Das gelingt, wenn sie ihre IT-Infrastruktur so gestalten, dass sich einzelne Komponenten bei Bedarf mit vertretbarem Aufwand durch Alternativen anderer Anbieter ersetzen lassen.
Dieser Ansatz sollte sowohl On-Premises- als auch Off-Premises-Umgebungen umfassen. Entscheidend ist, Architekturen zu wählen, in denen Hard- und Software nicht untrennbar miteinander verzahnt sind und sich Workloads bei Bedarf auf unterschiedlicher Hardware oder in verschiedenen Cloudumgebungen betreiben lassen.
Verhandlungsposition stärken
Wenn Unternehmen auf eine disaggregierte Infrastruktur setzen, gewinnen sie nicht nur an Unabhängigkeit und Flexibilität, sondern verbessern auch ihre Verhandlungsposition gegenüber ihren Lieferanten erheblich. Da ein Anbieter- oder Plattformwechsel weniger aufwendig, schneller umsetzbar und kostengünstiger ist, sinken die Wechselkosten deutlich. Dadurch verbessert sich auch der sogenannte Walk-away-Faktor. Dieser Begriff aus der Verhandlungstechnik beschreibt die Untergrenze, bei der man eine Verhandlung abbricht, weil ein Angebot nicht akzeptabel ist. Ein günstigerer Walk-away-Faktor ermöglicht es Unternehmen, im Verhandlungsprozess leichter von einem Anbieter abzurücken, wenn dessen Bedingungen nicht passen – und verschafft ihnen damit deutlich bessere Verhandlungsoptionen gegenüber ihren IT-Lieferanten.
Komplexität als Preis der Freiheit
Unternehmen bewegen sich dabei im Spannungsfeld zwischen Autonomie und operativer Komplexität. Die geringste Komplexität bieten monolithische IT-Systeme wie hyperkonvergente Infrastrukturen (Hyper-Converged Infrastructure, HCI), bei denen Hard- und Software eng miteinander verzahnt sind. Sie ermöglichen ein zentrales, effizientes Management aller Komponenten und erfordern im Betrieb nur wenig Abstimmungsaufwand. Dem steht jedoch ein eingeschränkter Entscheidungsspielraum gegenüber, da sich einzelne Komponenten nicht unabhängig voneinander austauschen lassen. Unternehmen bleibt dann oft nur, Preiserhöhungen zu akzeptieren oder komplette Systeme zu ersetzen.
Je weniger vorintegrierte Systeme eingesetzt werden und je stärker Unternehmen ihre IT-Stacks aus einzelnen Komponenten selbst zusammenstellen, desto größer wird ihre Autonomie – aber auch die operative Komplexität. Das andere Extrem ist ein vollständig selbst aufgebauter Stack auf Basis von Open-Source-Software, möglicherweise sogar ohne Enterprise-Lizenzen und -Support. Er bietet maximale Freiheit bei Auswahl und Austausch von Hard- und Software, erfordert jedoch erhebliche Aufwände bei Integration, Betrieb und Absicherung des Gesamtsystems. Gerade vor dem Hintergrund des Fachkräftemangels stellt dies viele Organisationen vor große Herausforderungen.
Offene Standards als Kompromiss
Einen guten Mittelweg zwischen diesen beiden "Make or Buy"-Extremen eröffnen Unternehmen vorintegrierte und disaggregierte Infrastrukturansätze, die keine geschlossenen Ökosysteme aus proprietären Technologien darstellen, sondern offene Schnittstellen mitbringen und standardisierte Verfahren, Hardware und Protokolle unterstützen.
Diese Systeme unterstützen beispielsweise x86-Standardserver für Computing und Storage sowie Standardprotokolle wie das Internet Protocol (IP). Durch diese Kombination kann beispielsweise beim Storage NVMe-over-TCP eingesetzt werden, wodurch sich als Übergabemechanismus zwischen Hardware und Software der Industriestandard Block-Storage verwenden lässt. Durch das IP ist die IT zudem beim Networking nicht auf Fibre-Channel-Technologie angewiesen, dessen Angebot sich auf sehr wenige Hersteller konzentriert.
Stattdessen können IP-Switches zum Einsatz kommen, für die ein breites und diverses Angebot auf dem Markt existiert. Geeignete Automatisierungslösungen für die Orchestrierung, Konfiguration und Verwaltung von IT-Komponenten verfügen über offene und gut dokumentierte APIs, die es erlauben, sie mit den Systemen von unterschiedlichsten Herstellern einzusetzen.
Mit diesen Technologien und Ansätzen gewährleisten disaggregierte Infrastruktur-Technologien, dass ihre Software- und Hardwarekomponenten interoperabel sind und sich mit Komponenten anderer Hersteller kombinieren lassen. Sie haben zwar weniger Integrationstiefe und sind dadurch im Betrieb etwas ineffizienter, machen Unternehmen aber dafür unabhängiger von einzelnen Lieferanten und Technologien – und dadurch autonomer. Automatisierungsprodukte können gut dabei helfen, die vergleichsweise höhere Komplexität zu beherrschen.
Automatisierung ohne Hypervisor-Bindung
Ein konkretes Beispiel für eine disaggregierte Infrastruktur ist eine Hypervisor-agnostische Automatisierungsplattform für IT-Infrastrukturen. Eine solche Plattform behandelt den Hypervisor nicht als architektonische Festlegung, sondern als austauschbares technisches Zielsystem. Die Plattform übersetzt abstrakte Servicebeschreibungen über standardisierte Schnittstellen in Hypervisor-spezifische Aktionen.
Ändert sich der Hypervisor, ändert sich lediglich die technische Umsetzung, während Services, Prozesse und Governance unverändert bleiben. Das ermöglicht es, unkompliziert und flexibel zwischen beispielsweise VMware vSphere, Red Hat OpenShift oder Nutanix AHV zu wechseln.
Ein weiteres Beispiel ist eine softwaredefinierte Infrastrukturplattform, die Compute, Storage und Netzwerk entkoppelt und über Software zu einem einheitlichen Ressourcenpool zusammenfasst. Als Compute- und Storage-Nodes kommen dabei x86-Server zum Einsatz. Die Kommunikation zwischen Compute-, Storage- und Managementkomponenten erfolgt über das Internet Protocol.
Das ermöglicht es, die Hardware mit unterschiedlichen Softwareplattformen wie Proxmox, VMware, KVM, OpenStack oder OpenShift zu betreiben, um sie zu virtualisieren und zu orchestrieren. Bei Bedarf hat man jederzeit die Möglichkeit, vorhandene Hardware mit einer anderen Softwareplattform zu betreiben oder umgekehrt.
Neben dem flexiblen Wechsel der Softwareplattform ermöglichen es diese beiden Infrastrukturansätze auch, parallel mehrere Stacks mit unterschiedlichen Softwareplattformen zu betreiben – etwa einen Nutanix- und einen OpenShift-Stack. Ändern sich die Anforderungen oder treffen Unternehmen eine neue strategische Entscheidung, können sie Workloads problemlos von einem Stack auf den anderen verschieben und haben somit kompletten Investitionsschutz.
Fazit
Digitale Souveränität entsteht nicht durch den Verzicht auf einzelne Technologien oder Anbieter, sondern durch eine IT-Architektur, die Wahlmöglichkeiten erhält. Stark vorintegrierte Systeme reduzieren zwar den operativen Aufwand, erhöhen jedoch die Abhängigkeit von proprietären Plattformen. Vollständig selbst aufgebaute Stacks auf Open-Source-Basis ohne Enterprise-Support bieten maximale Freiheit, sind im Betrieb jedoch nur mit erheblichem personellem und organisatorischem Aufwand beherrschbar.
Einen praktikablen Mittelweg stellen disaggregierte Infrastrukturen dar, die auf offenen Schnittstellen, standardisierter Hardware und etablierten Protokollen basieren. In Kombination mit Automatisierung lassen sich so heterogene Plattformen parallel betreiben, Komponenten austauschen und technologische Entscheidungen anpassen, ohne bestehende Services neu aufsetzen zu müssen.
Für IT-Verantwortliche bedeutet das: mehr technische Handlungsfreiheit bei kontrollierbarer Komplexität und ein belastbares Fundament für langfristig resiliente Infrastrukturentscheidungen.
(ln)
Marius N. Neidlinger ist Business Development Manager UK & DACH bei Dell Technologies.