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Interview

»Fangen Sie nie bei der Technologie an«

Redaktion IT-Administrator

Veröffentlicht in Ausgabe 07/2026 - AKTUELL

Edge Computing, Mikro-Rechenzentren, AIOps – die Infrastruktur von Unternehmen wird verteilter und komplexer, während die Anforderungen an Resilienz und Datensouveränität steigen. Jörg Schweinsberg, VP Channel & Alliances EMEA bei DataCore Software, erklärt, nach welchen Kriterien IT-Verantwortliche Workloads zwischen Edge, Cloud und Core verteilen sollten und was zwingend ins Security-Design gehört.

IT-Administrator: Edge Computing, Cloudsmart, AIOps – die Liste der Trendbegriffe wird jedes Jahr länger. Wie raten Sie Unternehmen, in diesem Rauschen zu unterscheiden, welche Technologien tatsächlich auf ihre Ziele einzahlen und welche sie getrost ignorieren können?
Jörg Schweinsberg: Fangen Sie nie bei der Technologie an. Der entscheidende Schritt passiert, bevor der erste Anbieter auf der Shortlist steht: Unternehmen müssen nüchtern klären, welche geschäftskritischen Prozesse sie widerstandsfähiger machen wollen und welche Rolle Daten dabei spielen. Konkret heißt das: Zuerst definieren, welche Daten wo entstehen, wie schnell sie verarbeitet werden müssen, welche regulatorischen Vorgaben gelten und was ein realistisches Zielbild für Verfügbarkeit und Wiederanlaufzeit ist. Daraus wird klar, ob Latenzvorteile durch Edge gefragt sind, ob Cloudflexibilität hilft oder ob AIOps der eigentliche Bedarf ist. Das Gegenteil erleben wir leider noch zu oft: Eine Trendtechnologie wird beschafft, und anschließend versucht die IT, das eigene Anforderungsprofil irgendwie darum herumzubauen – ein Garant für Komplexität, aber nicht für Resilienz.
Edge Computing ist seit Jahren im Gespräch. Ist die Technologie inzwischen wirklich im Unternehmensalltag angekommen – oder reden wir noch überwiegend über Pilotprojekte?
IT-Administrator: Edge Computing, Cloudsmart, AIOps – die Liste der Trendbegriffe wird jedes Jahr länger. Wie raten Sie Unternehmen, in diesem Rauschen zu unterscheiden, welche Technologien tatsächlich auf ihre Ziele einzahlen und welche sie getrost ignorieren können?
Jörg Schweinsberg: Fangen Sie nie bei der Technologie an. Der entscheidende Schritt passiert, bevor der erste Anbieter auf der Shortlist steht: Unternehmen müssen nüchtern klären, welche geschäftskritischen Prozesse sie widerstandsfähiger machen wollen und welche Rolle Daten dabei spielen. Konkret heißt das: Zuerst definieren, welche Daten wo entstehen, wie schnell sie verarbeitet werden müssen, welche regulatorischen Vorgaben gelten und was ein realistisches Zielbild für Verfügbarkeit und Wiederanlaufzeit ist. Daraus wird klar, ob Latenzvorteile durch Edge gefragt sind, ob Cloudflexibilität hilft oder ob AIOps der eigentliche Bedarf ist. Das Gegenteil erleben wir leider noch zu oft: Eine Trendtechnologie wird beschafft, und anschließend versucht die IT, das eigene Anforderungsprofil irgendwie darum herumzubauen – ein Garant für Komplexität, aber nicht für Resilienz.
Edge Computing ist seit Jahren im Gespräch. Ist die Technologie inzwischen wirklich im Unternehmensalltag angekommen – oder reden wir noch überwiegend über Pilotprojekte?
Die Phase, in der auf jedem Kongress über Edge geredet, aber wenig umgesetzt wurde, liegt hinter uns. Im Channel und bei Kunden sehen wir echte produktive Umgebungen, die weit über Pilotstatus reichen. Besonders spannend: Viele dieser Projekte kommen aus Bereichen, die vor ein, zwei Jahren kaum jemand auf dem Radar hatte – etwa Solarparks und Windkraftanlagen. Dort entstehen enorme Datenmengen direkt an der Anlage: Leistungsdaten, Zustandsüberwachung, Sicherheits- und Wetterinformationen. Diese Daten müssen vor Ort vorverarbeitet, plausibilisiert und teils sofort für automatisierte Entscheidungen genutzt werden – an Standorten, die oft abgelegen sind, mit begrenzter Konnektivität und ohne großes IT-Team vor Ort. Genau hier kommen praktisch zwangsläufig Edge-Architekturen und Mikro-Rechenzentren ins Spiel. Ähnliche Muster zeigen sich in der Fertigung, in verteilten Filialnetzen und in kritischen Infrastrukturen.
»Ist jedes Edge-System ein Unikat, wächst der Verwaltungsaufwand tatsächlich ins Unermessliche«
Nach welchen Kriterien entscheiden Sie, was an den Edge gehört und was besser in der Cloud oder on-premises bleibt?
Die erste Frage, die wir mit Kunden klären, lautet: Realisiert sich der Wert der Daten lokal – oder erst durch Korrelation mit anderen Quellen, häufig anderswo? Edge ist sinnvoll, wenn lokale Weiterverarbeitung durch dieselbe Anwendung gefragt ist, klassisch in der Fertigung, bei der Qualitätssicherung oder in Energieparks. Gleiches gilt, wenn Sensor- oder Bilddaten vor Ort analysiert werden und das Ergebnis direkt in den Prozess zurückfließt – um eine Maschine zu justieren oder eine Turbine anzupassen. Auch wenn Daten vor Ort später erneut benötigt werden, etwa für Nachweispflichten oder Audits, wäre es ineffizient, alles zuerst in die Cloud zu schieben. Sobald es dagegen primär darum geht, große Datenmengen für übergreifende Analytics, KI-Modelle oder zentrale Berichte mit anderen Quellen zu verknüpfen, sind ein On-Premises-Rechenzentrum oder eine Cloudumgebung die bessere Wahl. Technisch ist das übrigens kein Entweder-oder: Ein softwaredefinierter Speicherlayer stellt Datenportabilität her, sodass Unternehmen Daten dort verarbeiten können, wo es sinnvoll ist – ohne dass jede Verlagerung ein Migrationsprojekt wird.
Wer im Unternehmen trifft Cloudsmart-Entscheidungen und auf welcher Datenbasis?
Hier beobachten wir eine klare Verschiebung: Historisch traf die zentrale IT diese Entscheidungen allein, heute entscheiden Fachbereiche gemeinsam mit Datenschutz und Compliance. Das hat seinen Grund: Die Fachabteilungen bringen das Prozess- und Geschäftsverständnis mit – welche Daten kritisch sind, wo Ausfallrisiken entstehen, welche Reaktionszeiten erforderlich sind. Dieses Wissen fließt mit den regulatorischen Rahmenbedingungen zusammen. Grundlage der gemeinsamen Entscheidung sind idealerweise harte Daten: Telemetrie aus dem Betrieb, Nutzungsprofile, Zugriffsmuster, Latenz- anforderungen und ein dokumentiertes Datenklassifizierungsmodell. Unterliegen sensible Kundendaten strengen Löschfristen und geografischen Vorgaben, lassen sie sich eben nicht beliebig durch Multicloud, Edge und Public Cloud schicken – auch wenn es technisch möglich wäre.
Wo sehen Sie realistische Einsatzfelder für Mikro-Rechenzentren?
Mikro-Rechenzentren sind kein Selbstzweck. Sie ergeben genau dort Sinn, wo die klassische Dreiteilung aus zentralem Rechenzentrum, Cloud und Endgerät nicht mehr ausreicht: in Filialen, Produktionshallen, Energieparks oder Außenstandorten, an denen kritische Anwendungen bei einem Connectivity-Ausfall nicht stehen bleiben dürfen. Überstrapaziert wird das Konzept, wenn es lediglich darum geht, Daten lokal zwischenzuspeichern, oder wenn eine stabile Netzwerkanbindung ohne harte Echtzeitanforderungen besteht. In solchen Fällen ist eine gut geplante zentrale oder hybride Umgebung effizienter. Ein Mikro-RZ sollte stets Teil einer gesamtunternehmerischen Datenarchitektur sein, kein exotischer Sonderfall mit eigenen Backupkonzepten und Security-Regeln.
Was gehört zwingend ins Security-Design einer Edge-Architektur, bevor das erste Gerät in Betrieb geht?
Edge-Umgebungen benötigen dieselben hohen Sicherheitsstandards wie ein zentrales Rechenzentrum, nur anders umgesetzt. Drei Elemente gehören zwingend ins Design. Erstens: ein klares Identitäts- und Zugriffsmodell. Jedes System, jeder Dienst, jeder Mensch braucht eine eindeutig zuordenbare Identität. Rollenbasierte Zugriffskontrollen, starke Authentifizierung und das Prinzip der minimalen Rechte sind Pflicht – gerade weil Edge-Geräte physisch leichter zugänglich sind und USB-Ports oder Konsolenzugriffe missbraucht werden können. Zweitens: ein durchdachtes Patch- und Updatemanagement. Viele Edge-Knoten stehen jahrelang ohne Updates im Feld, was eine offene Einladung an Angreifer darstellt. Wartungsfahrten in den Windpark sind keine Option, aber kritische Patches müssen geplant und automatisiert ausgerollt werden können. Drittens gehören Sicherheitsfunktionen auf Datenebene dazu: Verschlüsselung, unveränderbare Backups im Sinne von WORM, granulare Rechtemodelle und kontinuierliche Replikation müssen auch am Edge verfügbar sein. Sonst entsteht ein schwaches Glied in einer ansonsten gut gesicherten Kette.
Macht Edge Infrastrukturen widerstandsfähiger oder verlagert es nur die Risiken?
Eine gut geplante Edge-Architektur macht die IT widerstandsfähiger, nicht verwundbarer. Der Eindruck von "mehr Angriffsfläche" entsteht vor allem dann, wenn Edge als Ansammlung isolierter Inseln betrachtet wird. Wer die Architektur sauber aufsetzt, gewinnt zusätzliche Redundanz- ebenen – in Energieparks, in der Fertigung oder im Handel kann das den Unterschied zwischen Betriebsstopp und einem planbaren Degradationsmodus bedeuten. Der Schlüssel liegt in Automatisierung und Standardisierung: Ist jedes Edge-System ein Unikat, wächst der Verwaltungsaufwand tatsächlich ins Unermessliche. Mit einem softwaredefinierten Stack, der sich zentral verwalten, überwachen und automatisiert patchen lässt, sinkt der operative Aufwand dagegen deutlich.
Sind Edge-Knoten vor allem Datenlieferanten für zentrale KI-Systeme oder wandert die Intelligenz künftig stärker an den Ort der Verarbeitung?
Aktuell liefern Edge-Knoten überwiegend Telemetriedaten, die zentrale AIOps- oder Monitoringplattformen auswerten. Dieses Modell hat seine Berechtigung, ist aber nur die halbe Wahrheit. In der KI-gestützten Qualitätsprüfung etwa entscheiden lokale Modelle in Sekundenbruchteilen, ob ein Teil in Ordnung ist. Das Ergebnis fließt direkt in den nächsten Fertigungsschritt ein. Auf eine zentrale Cloud-KI zu warten, wäre schlicht zu langsam und zu anfällig für Netzwerkausfälle. Was wir bei DataCore beobachten, ist eine Kombination: Edge-Knoten liefern Telemetrie zu Kapazitäten, Auslastung und Fehlerzuständen an zentrale AIOps-Systeme – und werden gleichzeitig selbst smarter. Lokale Agentenlogik steuert, wie Daten in Mikro-RZs repliziert werden, wann Snapshots entstehen oder wie Lasten im Cluster verteilt werden.
Wie nah ist das Szenario autonomer KI-Agenten am Edge für den typischen Mittelständler?
Wir sind weiter, als viele denken, aber sehr viel selektiver. In Solarparks und Windkraftanlagen ist das bereits Realität: Sensoren sammeln permanent Betriebsdaten, KI-Modelle analysieren sie lokal und leiten automatisch Maßnahmen ab – Leistungsanpassungen, Wartungsempfehlungen, Reaktionen auf Störungen. Das ist faktisch ein spezialisierter KI-Agent am Edge, der in einem klar definierten Rahmen autonom handelt. Für den typischen Mittelständler ist das noch kein flächendeckender Alltag. Viele Unternehmen legen gerade die Grundlagen: Maschinen vernetzen, Daten standortübergreifend verfügbar machen, erste KI-gestützte Qualitätsprüfungen einführen.
Vielen Dank für das Gespräch.
Jörg Schweinsberg, VP Channel & Alliances EMEA bei DataCore Software